Kampagne #beziehungsweise: jüdisch und christlich - näher als du denkst

Erstellt am 23.02.2021

https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/

Die ökumenisch verantwortete Kampagne „#beziehungsweise –jüdisch und christlich: näher als du denkst“ möchte dazu anregen, die enge Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum wahrzunehmen. Auch und gerade im Blick auf die Feste wird die Verwurzelung des Christentums im Judentum deutlich. Mit dem Stichwort „beziehungsweise“ soll der Blick auf die aktuell gelebte jüdische Praxis in ihrer vielfältigen Ausprägung gelenkt werden. Die Kampagne ist ein Beitrag zum Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.

Wir sind uns bewusst: Die Betonung der Nähe ist nur unter Wahrung der Würde der Differenz möglich. Deshalb halten wir es für unverzichtbar, die Bezugnahmen auf das Judentum in christlichen Kontexten auch kritisch zu hinterfragen, Vereinnahmungstendenzen zu erkennen und zu vermeiden.

Aktuell finden wir uns dabei in einer gesellschaftlichen Situation wieder, die durch ein Erstarken von Antisemitismus und weiterer Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit geprägt ist. Übergriffe gegen jüdische Bürger*innen, Hetze und Verschwörungsmythen in den Sozialen Medien nehmen weiterhin zu.

In einer respektvollen Bezugnahme auf das Judentum, die zur positiven Auseinandersetzung mit der Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland anregt, will die Kampagne auch einen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus leisten.

Quelle: https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/

Wir werden die Plakate sowie die jüdischen und christlichen Stimmen entsprechend jeden Monat auf der Homepage einstellen.

Das jüdische Jahr

Der Gang durch das jüdische Jahr kann zu zwei verschiedenen Jahreszeiten beginnen, entweder zum Frühlingsbeginn oder zum Herbstbeginn.

Nach der biblischen Erzählung ist der erste aller jüdischen Feiertage Pessach, der Tag des Auszuges der Israeliten aus dem pharaonischen Ägypten zur Frühlingszeit. Die Gelehrten des Judentums jedoch beschlossen, den offiziellen jüdischen Kalender mit dem Neujahrsfest Rosch Haschana zur Herbstzeit beginnen zu lassen.

Rosch Haschana ist der erste verbindliche Feiertag im Judentum und wird auch das jüdische Neujahrsfest genannt. An diesem Tag, so die jüdische Überlieferung, wurde der erste von G´tt erschaffene Mensch Adam in die von Gott erschaffene Welt gesetzt. An Rosch Haschana tritt daher Gott in der Liturgie der Gebete als Richter, als König und Herr der Welt auf. Dies zu verdeutlichen, wird in einen Widderhorn geblasen, den man im Judentum den Schofar nennt. Juden nennen Rosch Haschana auch den Tag des Gerichts. Um das göttliche Gerichtsurteil über Mensch und Welt symbolisch zu versüßen, isst man u.a. Apfel mit Honig.

10 Tage später findet der Versöhnungs- und Fasttag Jom Kippur statt. Mit Versöhnung ist sowohl die Buße vor Gott wie auch die Aussprache und innere Wiedervereinigung des Menschen mit Gott gemeint. Im Gebet findet ein kollektives Sündenbekenntnis statt. Jede Beterin und jeder Beter tragen ihre Fehler und Vergehen vor Gott und Mensch in Form eines Gebetstextes vor. Auch die Versöhnung des Menschen mit seinem Mitmenschen ist an diesem Tag von großer Wichtigkeit. Man verzeiht einander, man geht aufeinander zu. Jom Kippur ist inhaltlich ein Buß- und Bettag und schließt die 10tägige Periode der sog. Hohen Feiertage beginnend mit Rosch Haschana ab.

5 Tage danach startet das siebentägige Laubhüttenfest Sukkot. Siebentage lang sitzt man in einer von Laub und Grünzeug überdachten Hütte, die an die Hütten der Israeliten beim Auszug aus Ägypten erinnern soll, und feiert mit Familie, Gästen und Gemeinde dieses Fest. Besonders wichtig ist es, die Mahlzeiten in der Laubhütte einzunehmen. Tagesüber schüttelt man die sog. 4 Pflanzenarten, bestehend aus einer für viele Außenstehende unbekannten Frucht der Zitronatszitronen namens Etrog, einem Palmenzweig, Myrtenzweigen und Bachweiden. Dieser Feststrauß ist neben der Laubhütte das typische Symbol für Sukkot.

Am 8. Tag von Sukkot findet „Schmini Azeret“, der sog. „8. Tag der Versammlung“ statt. In biblischen Zeiten diente dieser Tag als Ausdruck zusätzlicher Freude der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Nach dem 7tägigen Laubhüttenfest wollten die Gläubigen nicht wieder weg vom alten Jerusalemer Tempel, wo die Wallfahrtsfeste, zu denen auch Sukkot gehörte, stattfanden. Man wollte einen zusätzlichen Tag drauflegen, um vor Gott zusätzliche Freude und Dankbarkeit zu zeigen. Diesen Tag begehen wir bis heute in den Synagogen und fügen ihm einen weiteren Tag hinzu. Dieser Tag wäre dann der 9. Tag ab Beginn von Sukkot. Ihn nennt man Simchat Tora, das Tora-Freudenfest. Dieser Feiertag zeichnet sich darin aus, dass die Synagogengemeinschaft an ihm, ihre Freude über die heilige Tora-Schrift, die die Grundlage des Judentums bildet durch Tanz und Gesang zum Ausdruck bringt. Es werden alle Tora-Rollen aus dem Tora-Schrein ausgehoben, die Synagoge wird zu einem Ort der überschwänglichen Freude und des Festes. Mit den Tora-Rollen in der Hand umkreist man den synagogalen Altar, die sog. Bima, sieben Mal. Es werden die letzten Abschnitte der Tora feierlich vorgetragen und gleich danach wird der Anfang der Tora ebenso vorgelesen. Damit kommt die jährliche Toralesung zu ihrem Abschluss, und eine neue Lesung kann wieder starten.

Nach den Herbstfeiertagen folgt in der Winterzeit und oft parallel zum Weihnachtsfest das Lichterfest Chanukka. Chanukka erinnert an den erfolgreichen Aufstand gegen die griechische Besatzung im Heiligen Lande und die Wiedereinweihung des entweihten Jerusalemer Tempels 164 v. Chr. Das Licht spielt hierbei eine entscheidende Rolle, denn die Chanuka-Geschichte erzählt von dem achttägigen Wunder des Tempelleuchters bei der Rückeroberung des Heiligtums durch die aufständischen Makkabäer. 8 Tage lang werden die Chanukka-Lichter gezündet, jeden Tag eine Kerze mehr, bis am achten Tag alle Kerzen leuchten. Das Licht symbolisiert den Sieg, das Leben und die göttlichen Wunder.

Der auf Chanukka folgende nächste wichtige jüdische Feiertag, der keine Erwähnung in der Tora findet, sondern auf ein historisches Ereignis zurückgreift, ist das lustige Verkleidungsfest Purim. Purim findet zum Winterende statt, am 14. Adar des hebräischen Kalenders. Oftmals fällt interessanterweise dieser Feiertag auf die Fastnachts- und Karnevalszeit hier in Deutschland. Und auch hier gibt es einige Parallelen: Purim ist ein Kostümfest mit viel Alkohol, Partystimmung und vielen Feierlichkeiten. Traditionell wird die sog. Megilath-Esther, das Buch Esther in Form einer Rolle, in den Synagogen vorgetragen, in der die Purim-Geschichte erzählt wird. Ähnlich wie bei Chanukka geht es auch bei Purim um die Errettung des jüdischen Volkes, wohingegen diesmal die physische Errettung aus der drohenden Gefahr in der persischen Diaspora im Mittelpunkt steht. Nach den Erzählungen der Esther versuchte Haman, der höchste Regierungsbeamte des altpersischen Königs die Juden im gesamten Perserreich an einem Tag zu ermorden. Durch das Eingreifen der Königin Esther konnte dies verhindert werden. Seitdem wird Purim jedes Jahr lustig und gesellig begangen. Purim ist eine Art Vorläufer des uns bekannten Karnevals – freilich nach jüdischer Interpretation.

Genau ein Monat nach Purim zum Frühlingsbeginn folgt das bedeutende Pessach-Fest. Pessach ist von allen jüdischen Feiertagen derjenige, der in der Tora am häufigsten erwähnt wird. Pessach ist, wenn man so will, die Geburtsstunde des souveränen jüdischen Volkes. Es erinnert an den Auszug der Israeliten aus der pharaonischen Sklaverei im alten Ägypten. Diese berühmte biblische Geschichte ist vielen Menschen bekannt: Es ist die Geschichte von Moses und seinem Bruder Aaron, die das geknechtete jüdische Volk nach jahrhundertelanger Sklaverei in die Freiheit führen. Es ist die Geschichte von den 10 Plagen, und es ist die Geschichte von der Spaltung des Meeres. Der Auszug aus Ägypten ist ein Fest der Freiheit und womöglich bis heute ein Grundmodell vieler Freiheitsbewegungen der Unterdrückten und Geknechteten.

Im Mittelpunkt des rituellen Geschehens von Pessach steht der sog. Seder-Abend, ein familiäres und gemeinschaftliches Zusammenkommen in Erinnerung an den Tag des Auszuges aus Ägypten. Es wird die Geschichte vom Auszug der Israeliten, die Hagadah, kindgerecht und mit Gesang erzählt. Auf dem Pessach-Tisch stehen ungesäuerte Brote, die Mazot. Die Mazot sind eine Erinnerung an die Brote, die beim Auszug aus Ägypten schnell gebacken wurden und deren Teig nicht säuern konnte. Auf dem Tisch steht außerdem eine traditionelle Pessach-Schüssel mit bestimmten Speisen, die allesamt eine kulinarische Erinnerungskultur erzeugen sollen, wie z.B. Bitterkräuter als Erinnerung an die bittere Sklaverei oder ein Fleischschenkel in Erinnerung an das Opfer, das die Israeliten am Abend vor dem Auszug aus Ägypten aßen: das Überschreitungsopfer. Tatsächlich meint das Wort Pessach die „Überschreitung Gottes“. Denn bei der 10. Plage Ägyptens wurden die Erstgeborenen der Israeliten verschont, indem Gott über ihre Häuser metaphorisch hinwegschritt.

Pessach ist für Juden, die außerhalb von Israel leben ein achttägiges Fest. Während der gesamten Pessach-Zeit darf keinerlei Sauerteig gegessen werden wie z.B. Brot, Gebäck, Nudeln und ähnliches. Stattdessen isst man die Mazot, die womöglich das berühmteste Speisesymbol des Judentums sind. Pessach ist, wie schon erwähnt, der erste Feiertag der Tora und des ursprünglichen biblischen Kalenders.

Zählt man ab Pessach 49 Tage so käme als letzter großer Feiertag Schawuoth, der Tag der Übergabe der 10 Gebote an die Israeliten. Schawuoth ist neben Pessach und Sukkot ein Wallfahrtsfeiertag. Wahrscheinlich aber ist Schawuoth der unauffälligste der großen und bekannten jüdischen Feiertage. Denn er kennt keine strengen Riten und Vorschriften, deren Wichtigkeit mit denen anderer Feiertage vergleichbar wäre.

Schawuoth hat in unserer Zeit vor allem als Erinnerung an die Übergabe der Gebote Gottes an das jüdische Volk am Berge Sinai eine Bedeutung. Mit der Annahme der Gesetztafeln und der Tora als geistige Grundlage für das Judentum vollzogen die Israeliten einen wichtigen Schritt: Sie waren ab diesem Moment nicht nur Volk, sondern auch Religion. Die Volkswerdung als freies und unabhängiges Volk vollzog sich mit dem Auszug aus Ägypten, aber die inhaltliche Ausrichtung des jüdischen Volkes als Volk des Gesetzes, der Gebote und als Volk der Tora vollzog sich am Berge Sinai mit der Übergabe der Gesetze Gottes an das Israelitentum.

– Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky, Gemeinderabbiner der jüdischen Gemeinde Mainz, Mitglied der orthodoxen Rabbinerkonferenz

 

Das christliche Jahr

Der christliche Jahreskreis, auch Kirchenjahr genannt, hat eine enge innere Abhängigkeit vom jüdischen Jahreskreis. Denn im Frühchristentum entwickelte sich der christliche Zyklus aus den jüdischen Feiertagen und in Anlehnung an den jüdischen Jahreskreis. Zunächst wurden die Hauptfeste Weihnachten, Ostern und Pfingsten gefeiert, nach und nach auch andere. Das Kirchenjahr kennt drei große, aufeinander folgende Teile gegliedert: Auf den Weihnachtskreis folgt der Osterkreis. Nach Pfingsten schließt sich in der evangelischen Kirche die Trinitatiszeit (von lat. „trinitas“ – Dreifaltigkeit), in der katholischen Kirche als „Zeit im Jahreskreis“ benannt, an.

Der Grundgedanke des christlichen Jahreskreises besteht darin, Gottes dreifaltiges Wirken in der Heilgeschichte sichtbar zu machen. Dazu gehören das Leben, Wirken, aber auch Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi, das Wirken des Heiligen Geistes und die Heilsgeschichte des Ewigen mit seinem auserwählten Volk. Danach richten sich in der evangelischen und katholischen Tradition an Sonn- und Festtagen die Textlesungen aus der Tora, den Propheten, den Schriften – diese Texte werden in Beziehung zur christlichen Heilserwartung gesetzt – sowie die Lesungen aus den vier Evangelien, der Apostelgeschichte, den Briefen an die christlichen Gemeinden sowie der Offenbarung des Johannes. Jedem Sonn- und Festtag sind somit bestimmte Texte zugeordnet. Das ist in der Perikopenordnung bzw. Leseordnung festgelegt. An den Wochentagen findet die sogenannte Bahnlesung statt – ähnlich wie im Judentum.

Das christliche liturgische Jahr beginnt im Spätjahr. Hier besteht ebenfalls eine Übereinstimmung zum Judentum. Orthodoxe Christen beginnen es am 1. September, vor dem Festtag Mariä Geburt. In den reformatorischen Kirchen und in der katholischen Tradition beginnt das Kirchenjahr am Vorabend des ersten Adventssonntags. Mit dem Beginn wichtiger Feste am Vorabend des Festtags selbst, in der Regel mit der ersten Vesper, hat das Christentum den jüdischen Brauch übernommen wie er beispielsweise am Beginn des Schabbats erkennbar wird.

Der christliche Advent ist eine Fastenzeit und dient der Vorbereitung auf die Geburt Jesu. Deshalb stehen Buße und intensives Schriftstudium im Vordergrund. Geistliche Gesänge sollen dies unterstützen. In vielen vor allem orthodoxen oder altorientalischen Kirchen wird die Fastenzeit sehr streng eingehalten. Die Adventszeit bildet einen Schwerpunkt im christlichen Jahr. Sie ist geprägt von Lesungen aus dem Buch des Propheten Jesaja, der das Kommen des Erlösers ankündigt.

Christinnen und Christen glauben, dass mit der Geburt Jesu dieser Erlöser gekommen ist. Dementsprechend groß wird das Weihnachtsfest gefeiert. In den verschiedenen christlichen Konfessionen wird es an unterschiedlichen Terminen gefeiert. Hinzukommen regionale Bräuche. In Deutschland feiern evangelische, reformierte und katholische Christinnen und Christen Weihnachten am 25. Dezember. Der 24. Dezember ist der Vorabend und hat als „Heilige Nacht“ große kulturelle Bedeutung erlangt. Die Bescherung unter dem Tannenbaum gehört in Deutschland zu einem weit verbreiteten Brauch. Es ist das Fest der Familie und hat hohen emotionalen Wert.

Der Weihnachtsfestkreis dauert in der katholischen Tradition bis zum Fest Taufe des Herrn. Es wird am Sonntag nach Epiphanias, das bedeutet auf Griechisch Erscheinung, gefeiert. In Deutschland hat sich zum Fest der Erscheinung des Herrn die Anbetung Jesu durch die Weisen als wichtigster Festinhalt durchgesetzt. So ziehen an diesem Tag die Sternsinger durch die Straßen. Die orthodoxen Kirchen feiern zu Epiphanie vor allem die Taufe Jesu. Daran erinnert in der katholischen Kirche die Wasserweihe, die an diesem Festtag stattfindet.

Die nächste wichtige und geprägte Zeit ist die Passions- oder Fastenzeit vor Ostern. Sie beginnt mit dem Aschermittwoch, der die regional als „Fasching“, „Karneval“ oder auch „Fastelovend“ bekannten Bräuche beendet und 40 Tage lang auf das Osterfest vorbereiten soll. Darum wird das ausgelassene Feiern vor der Fastenzeit auch „Karneval“ genannt, vom lateinischen „carne levare“ für „Fleisch wegnehmen“ – es folgt ja die Fastenzeit, in der einige christliche Konfessionen ganz auf Fleischkonsum verzichten. Je näher der Palmsonntag, der an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnern soll, rückt, desto mehr steht die Betrachtung des Leidens Jesu im Vordergrund. Der Palmsonntag markiert den Beginn der Karwoche (vom althochdeutschen „kara“ für Klage oder Kummer) oder Heiligen Woche.

Das Osterfest, das in zeitlicher Nähe und je nach Kalender sogar parallel zum Pessachfest stattfindet, bildet den Höhepunkt des christlichen Jahres. Vor allem in der Karwoche kulminiert das Gedenken an Jesus Christus. Deshalb steht die Erinnerung an das Wirken Jesu im Vordergrund: Am Gründonnerstag (wahrscheinlich vom mhd. „greinen“ für Weinen, Klage) das Letzte Abendmahl, am Karfreitag Leiden und Sterben, am Karsamstag die Grabesruhe sowie in der Osternacht, am Ostersonntag und Ostermontag die Auferstehung und die Erlösung durch ihn. Dieses Gedenken an die Auferstehung feiern Christinnen und Christen an jedem Sonntag. Deshalb dürfen die Kar- und Ostertage auch als wichtigstes Fest des Christentums bezeichnet werden. Obgleich mit dem jüdischen Pessachfest verwandt, zeigt sich an diesem Fest eine große innere Spannung zum Judentum.

Verschiedene kulturelle Bräuche umrahmen die Kar- und Ostertage, beispielsweise die Eiersuche am Ostersonntag oder das Backen von Lämmern, was an Christus als Lamm Gottes erinnern soll. An den Ostersonntag schließt sich die österliche Freudenzeit oder Festzeit als geprägte Zeit an. Sie dauert fünfzig Tage bis zum Pfingstfest und entspricht damit von der Dauer dem Intervall zwischen Pessach und Schawuot im Judentum.

Beim Pfingstfest, das auf Schawuot zurückgeht, feiern Christinnen und Christen die Herabsendung des Heiligen Geistes. Damit hängt die Offenbarung des dreieinen Gottes zusammen. Deshalb wird der Sonntag nach Pfingsten als Dreifaltigkeitssonntag oder „Trinitas“ gefeiert. Das Pfingstfest wird als Gründungsfest der Kirche verstanden. Die Ökumene, also die Einheit der Christenheit, steht deshalb ebenso im Fokus dieses Festes. In vielen Städten finden um Pfingsten ökumenische Gottesdienste statt.

Der Jahreskreis kennt daneben noch eine Zahl weiterer wichtiger Festtage, beispielsweise das Erntedankfest, das eine Verwandtschaft zu Sukkot aufweist, den Buß- und Bettag oder den Reformationstag in der evangelischen und reformierten Tradition, Christi Himmelfahrt und Fronleichnam in der katholischen Tradition. In der orthodoxen und katholischen Tradition werden Gedenktage der Heiligen gefeiert, um dadurch den Gläubigen Wege zu Gott durch das Vorbild besonderer Menschen aufzeigen zu können. Ein wichtiger Gedenktag ist beispielsweise der Johannistag am 24. Juni, Gedenktag von Johannes dem Täufer.

Das christliche Jahr möchte den Menschen Orientierung und Sinnstiftung vermitteln. Dies geschieht, indem ein wichtiger Gedanke des Judentums aufgegriffen wird: Vergegenwärtigung und Gedenken sollen – aus christlicher Sicht – die Heilsgeschichte des dreieinen Gottes mit den Menschen erfahrbar und erlebbar machen. Dies drückt sich besonders im Gedächtnis an Jesus Christus aus, das in jedem Gottesdienst gefeiert wird. Damit steht der christliche Jahreskreis auf dem Fundament der jüdischen Überlieferung. Im Gedächtnis vergegenwärtigen wir uns die Taten Gottes. Im Nachvollzug der Feste feiern wir nicht nur als Gemeinschaft, sondern werden wir als Einzelne und Einzelner dazu ermutigt, Gott, aber immer wieder auch den Nächsten näher zu kommen.

– Dr. Fabian Freiseis. Leiter des Referats und Referent für den Dialog mit dem Judentum und Kulturen des Erzbistums Freiburg.