Meditation zur Jahreslosung

Erstellt am 04.01.2021

Jesus Christus spricht:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Lukas 6, 36

(Wörtlich: Werdet Barmherzige, wie auch euer Vater ein barmherziger ist)

Liebe Leser*in,

Barmherzigkeit, das ist ein biblischer Begriff, der es in sich hat.

Eigentlich kommt das hebräische Wort für Barmherzigkeit her von dem Wort „Mutterschoß“ (rächäm, rachamijm). Daran haben wir alle Erinnerungen. Auf dem Schoß der Mutter zu sitzen, gibt einem Kind Sicherheit. Das ist zugleich ein Bild für Zärtlichkeit, auch für die Zärtlichkeit Gottes. Da wird schon meine Vorstellung von Gott korrigiert. Gott ist, in menschlichen Kategorien gedacht, mütterlich und väterlich, männlich und weiblich, beschützend.

Wer Gott also vor allem mit Allmacht in Verbindung bringt, liegt schon schief. Wir kommen gerade von Weihnachten her und haben die Bilder von Krippen vor Augen: Gottes „Allmacht“ ist so groß, dass er darauf verzichten kann und ein kleines, schutzbedürftiges Kind wird, wie wir selbst,. Das berührt uns in unserem Innersten zutiefst. Ich habe zu Weihnachten in der Hemmerder Kirche erlebt, wie Kinder zu dem Jesuskind in der Krippenspielkrippe hingegangen sind und es gestreichelt haben. Gott wirbt um unsere Zuneigung und Liebe, wie ein Kind.

Der erwachsene Mann Jesu wird sagen: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineingelangen.

Er wird Gleichnisse erzählen, in denen es im Verhältnis Mensch zu Gott oft  um das barmherzige Handeln von Gott und Menschen geht (zum Beispiel der barmherzige Samariter oder der liebende Vater / Gleichnis vom verlorenen Sohn).

Barmherzigkeit wird oft in einem Atemzug mit dem Wort Gnade genannt. Gnade und Barmherzigkeit sind etwas, das geschenkt, nicht verdient wird. Das ist freie, liebende Zuwendung von Gott zu Menschen, zu seiner Welt, und von Menschen zu Menschen.

Doch Barmherzigkeit hat ein strukturelles Pendant: Gerechtigkeit. Dies Wort wird auch immer in der Bibel mit Gott in Verbindung gebracht. Das hebräische Wort für Gerechtigkeit (zedaqa) bedeutet eigentlich „Gemeinschaftstreue“. Gott hat sich der Gemeinschaft mit seinem Volk und mit seinen Menschen, mit seiner Welt verpflichtet. Und so sollen wir es auch tun.  Denn Gerechtigkeit Gottes und der Menschen ist: barmherzig handeln, Gnade vor Recht ergehen zu lassen ohne das Recht auszuhebeln, Nächstenliebe leben, die Welt sehen.

Das sind alles Begriffe, die wir kennen und die ihren festen Platz in unserem Glauben und Leben haben.

Trotzdem erleben wir die Welt oft ganz anders, als bedrohlich, als ungerecht, als unbarmherzig. Und darüber kann unser Bild von der Welt auch schon einmal aus den Fugen geraten und alle diese Begriffe werden uns fragwürdig – oder sogar zweifelhaft.

Anbei sehen Sie ein Bild der Limburger Künstlerin Ute Wengenroth.

Da sehe ich eine Welt, die auseinanderdriftet. Das spiegelt den Blick, den wir oft auf das Leben haben. Wir sehen uns selbst, unser Umfeld und dann immer weniger das, was weiter weg ist.

Die Kontinente driften auseinander. Haben wir die Menschen dort im Blick? Oder sehen wir sie gar als Bedrohung? Während in unserem Land bei aller bleibenden Ungerechtigkeit doch große Hilfsleistungen in der Corona-Krise angeboten werden, ist etwa in Afrika die Not durch Corona um ein vielfaches härter. Da könnten die reichen Staaten des Nordens mehr Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Immerhin geschieht es, doch die Zeit drängt. Gerechtigkeit ist dann in Strukturen gegossene Barmherzigkeit.

Wir sehen das herzzerreißende Leid von Menschen, die durch ihre Flucht alles verloren haben und jetzt in schäbigen Lagern auf dem europäischen Kontinent leben – oder immer noch in Flüchtlingsbooten auf dem Meer absaufen.

Es ist gut, dass die Evangelische Kirche in Deutschland ein Schiff zur Seenotrettung gekauft hat und aus Kirchensteuer- und Spendenmitteln betreibt.

Ich sehe kleine und größere Schiffe auf dem Bild, wer immer da auch drauf sein mag. Ich sehe Rettungsringe und Halteleinen, die versuchen, die Welt zusammenzuhalten. Gut, dass es Menschen gibt, die solche Rettungsleinen werfen.

Wenn wir große Hoffnung setzen auf Impfstoffe gegen das Virus, das uns das ganze zurückliegende Jahr geplagt hat und uns bedroht,  denken wir auch an die Länder, die gar nicht das Geld haben dafür und leisten hoffentlich bald mehr Hilfe zur Selbsthilfe.

Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit sind das dünne Seil, doch gut, dass es da ist.

Dünn ist das Seil, das uns alle zusammenhält. Und doch sind da Menschen, sind da Überzeugungen, die solch ein Band darstellen.

Zum Glück gibt es einen im Verhältnis zum restlichen Bild überdimensionierten Kompass. Für mich ist das Gott.  Ich meine den barmherzigen Gott, an dem wir uns ausrichten können, der uns die Richtung weist, wie ein Kompass, hin zu den Menschen und dadurch zu sich selbst.

Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.

Dieser Satz aus der Feldrede Jesu im Lukas – Evangelium ist höchst aktuell und birgt in sich die Kraft der Liebe, die Leben verändert.

Ich wünsche Ihnen allen ein gutes Jahr 2021.

Ihr Gerd Ebmeier

Quelle: www.logo-buch.de Ute Wengenroth