Gott spricht: ... ich will sie trösten und leiten. Jer 31,9

Erstellt am 03.11.2020

Von der Klage zum Trost finden

Liebe Gemeindeglieder!

Es ist wirklich frustrierend und inzwischen auch wieder bedrohlich.

Die Corona-Infektionszahlen steigen von Tag zu Tag.

Dabei waren wir doch alle dabei, wieder in die Normalität unseres Alltags zurück zu finden. Das Schlimmste schien überstanden. Mit den Nudeln und dem Toilettenpapier in den Regalen war auch unsere Zuversicht wieder zurück gekehrt.

Doch jetzt scheint es schlimmer zu kommen als zuvor. Es sind ja nicht nur die Infektionszahlen, die steigen, auch die Krankenhäuser müssen wieder mehr und mehr schwer erkrankte Menschen aufnehmen.

Erneut der große Stillstand. Nicht mehr reisen, nicht mehr feiern, nicht mehr besuchen, nicht mehr aus dem Haus, wenn es vermeidbar ist. So viele Pläne, die zerplatzen, so viele Hoffnungen, die sich nicht erfüllen in diesen Tagen.

Wir können und dürfen in diesen Wochen vieles nicht. Der gewohnte Rhythmus von Tun und Machen, konsumieren, feiern und organisieren ist durchbrochen. Ja, es ist als ob uns eine feste Hand anhält mitten im Lauf.

Aber ist es nicht vielleicht gerade das, was wir brauchen in dieser Zeit?

Stehen bleiben, den Blick wenden. Nicht nur das Ziel im Augen haben, zu dem wir so eilig unterwegs sind, sondern anhalten und uns um zu sehen, zu schauen, wo wir gerade stehen.

Wir müssen anhalten in diesen Tagen, aber wir dürfen auch innehalten.

Gerade jetzt im November.

Erinnerungen nach hängen. Alte Bilder betrachten. Einen Brief schreiben. Dem Regen zuhören.

Beobachten, wie der Baum vor dem Haus sich wandelt von Tag zu Tag. Wie seine Blätter die Farbe verändern und schließlich zu Boden fallen und einen bunten Teppich bilden auf dem Rasen. Wir dürfen sie ruhig liegen lassen für ein paar Tage und uns daran freuen.

Statt des Fernsehers wieder einmal einen Roman in die Hand nehmen und sich mitnehmen lassen in andere Orte und Zeiten. Mal wieder die Blockflöte raus kramen und Melodien spielen, die wir lange nicht mehr gehört haben, die uns aber immer noch im Ohr klingen. Eine Kerze anzünden. Und am Sonntag den Weg zum Gottesdienst genießen, als einen kleinen Höhepunkt in der Woche.

Trauen wir uns das? Den Mut fassen, uns selbst zu begegnen. Vielleicht, dass wir dabei auch von neuem unserem Schöpfer begegnen.

Dass unsere Klage, die so sehr ihr Recht hat in diesen Tagen, sich verwandelt in Lob und Dankbarkeit. Dankbarkeit für den Moment, für die Stille, für den Wind, für das Geschenk des Lebens.

Von der Angst, von der Rastlosigkeit, von Enttäuschung, von Trauer, von der Haltlosigkeit zum Trost finden. Manchmal ist das ein weiter Weg. Manchmal aber auch nur ein kleiner Schritt.

Im Monatsspruch für November heißt es: Gott spricht: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten. (Jer 31, 9)

Wir sind nicht allein mit unseren Sorgen und Ängsten. Das ist nicht das Wenigste in diesen dunklen Wochen. Ja, wir dürfen klagen und weinen, aber wir dürfen auch wieder neuen Mut fassen und gelassen dem entgegen sehen, was da kommt.

 

Ihr/Euer Pastor Volker Jeck

Lünern, 03.11.2020