Im Grunde gut - Ein christliches Menschenbild

Erstellt am 21.03.2020

In der Bibel heißt es (1. Mose 1, 26f.):

"26 Und Gott sprach: "Lasst uns Menschen machen! Unser Ebenbild, uns gleich sollen sie sein!" 27 Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er sie. Er schuf sie als Mann und Frau. 28 Gott segnete sie und sprach zu ihnen: "Als Nahrung gebe ich euch alle Pflanzen auf der Erde, die Samen hervorbringen. Dazu alle Baumfrüchte, die Kerne enthalten. 30 Die grünen Pflanzen sollen Futter für die Tiere sein. Alle Tiere auf der Erde und alle Vögel in der Luft sollen sie fressen. Ebenso sind sie Futter für alles, was am Boden kriecht und krabbelt." Und so geschah es. 31 Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte. Und siehe, es war alles sehr gut.

Im Grunde gut - das Ebenbild Gottes: der Mensch. Das ist manchmal schwer zu glauben. Doch es stimmt. Der Mensch ist im Grunde gut. Wenn wir diesen Gedanken ernst nehmen, dann könnte er eine Revolution entfesseln. Wenn er tatsächlich in unser Kopf vordringt, könnte er unsere Wahrnehmung auf die Welt ganz verändern. Der Mensch ist im Grunde gut.

Ich weiß, Sie glauben mir nicht, aber stellen sie sich folgende Situation vor:

Ein Flugzeug muss notlanden. Es zerbricht in drei Teile. Die Kabine füllt sich komplett mit Rauch. Jedem ist klar: Wir müssen hier raus. Was passiert?

  • Auf Planet A fragen die Insassen einander, ob es ihnen gutgehe. Personen, die Hilfe benötigen, bekommen den Vortritt. Die Menschen sind bereit, ihr Leben zu opfern, auch für Fremde.
  • Auf Planet B kämpft jeder für sich allein. Totale Panik bahnt sich den Weg. Es wird getreten und geschubst. Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen werden niedergetrampelt.

Liebe Gemeinde, auf welchen Planeten befinden wir uns?

Die meisten werden jetzt denken: "Auf Planet B!" Doch tatsächlich befinden wir uns auf Planet A. Die größten Katastrophen der Menschheit spielten sich auf Planet A ab. Denken sie an den Untergang der Titanic. Ein berühmter Film mit Leonardo DiCaprio erzählt davon, wie alle in Panik gerieten. Aber ein Augenzeuge berichtet: Es wurde weder geschubst noch geschrien. Es gab keine Anzeichen von Panik oder Hysterie.

Oder denken Sie an den 11. September 2001. Tausende Menschen liefen geduldig die Treppen der Twin Towers runter. Sie wussten, ihr Leben ist in Gefahr. Doch Feuerwehrleuten und Verletzten wurde der Vortritt gewährt. Viele Menschen reagierten auf die Katastrophe mit Sätzen wie: "Nein, nein, du zuerst", erinnert sich ein Opfer später. "Ich konnte nicht glauben, dass die Leute in dieser Situation sagen würden: "Bitte, geh du zuerst". Es war unwirklich."

Dass Menschen von Natur aus egoistisch, panisch und aggressiv sind, ist ein hartnäckiger Mythos. Es ist - so könnte man sagen - eine Fassadentheorie. Unser gesellschaftliches Leben wäre eine Fassade, die beim geringsten Anlass einstürzen würde. Doch zeigt uns die "Corona-Epedemie" genau das Gegenteil. In Form von "sozialer Distanz" entsteht Nähe. Menschen zünden um 19 Uhr am Fenstersims eine Kerze an und stellen fest, dass sie nicht alleine sind. Der Nachbar oder die Nachbarin geht zur älteren Dame von neben an und erklärt sich bereit, die Einkäufe zu erledigen. Fahrdienste werden organisiert. Um einsame Menschen wird sich gekümmert. Orte zur Besinnung werden zur Verfügung gestellt. Und es wird deutlich, dass in den Zeiten von großen Krisen das Gute im Menschen zum Vorschein kommt. Der Mensch ist im Grunde gut. Amen.

Vikar Alexander Jasczyk (nach dem Buch "Im Grunde gut" von Rutger Bregman