Gedanken zu Karfreitag

Erstellt am 10.04.2020

Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben, dass einer für alle gestorben ist und so alle gestorben sind. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.

2. Kor. 5, 14 und 15

Die Geschichte vom Karfreitag ist eine harte Geschichte.

Ein Mensch wird gefoltert, geschlagen, durch die Straßen gestoßen, bloß gestellt, verlacht und schließlich grausam hingerichtet.

Nichts daran ist gut. Nichts daran ist schön.

Eine Geschichte, die ganz unerträglich ist. Wie so manche Geschichte heute.

Geschichten aus den Intensivstationen, von Beatmungsgeräten, von erschöpften Helfern, verzweifelten Angehörigen und einsam sterbenden Menschen.

Oder, schon fast vergessen, Geschichten von den Menschen im Niemandsland zwischen den Grenzen, auf nackter Erde, ertrinkend im Mittelmeer, eingepfercht in Lagern, auf fernen Inseln.

Geschichten, die nur schwer zu ertragen sind. Wie auch so manche Geschichte ganz in unserer Nähe.

Karfreitag hilft uns hin zu sehen, auszuhalten, uns nicht ab zu wenden.

Denn Karfreitag erzählt zugleich die Geschichte vom Wendepunkt, vom Neuanfang, und vom Triumph des Lebens. Es ist der Moment in dem alles in Frage steht.

Jesus hat von der Liebe Gottes gesprochen. Von der Liebe, die alles Leid und alle Feindschaft überwindet. Nun stirbt er am Kreuz. Als Gespött der Menge und der Mächtigen.

Alles steht in Frage. Wendet Gott sich ab? Von der Gewalt, vom Kleinglauben und Versagen der Menschen. Wendet er sich ab von diesem elend sterbenden Menschen am Kreuz?

Wir kennen die Antwort und wir werden sie auch an diesem Ostermorgen wieder rufen und singen und bekennen: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.

Das ist der Grund, warum wir sie immer wieder erzählen, diese Geschichte. Denn diese elende Geschichte vom Leiden und Sterben wird zur Hoffnungsgeschichte. Eine Geschichte die Hoffnung und Licht bringt, auch noch in die dunkelste Geschichte unserer Tage.

Gott ist nicht von der Seite Jesu gewichen und er wird auch heute nicht von der Seite der Menschen weichen, die nach ihm rufen. Wir werden nicht aufhören, auch diese anderen Geschichte immer wieder zu erzählen, zu erinnern und zu bedenken.

In diesen Tagen können wir keine Gottesdienste feiern in unseren Kirchen. Es wird mir lange in Erinnerung bleiben, dieses Fest ohne festliche Gottesdienste.

Aber wenn wir in diesen Tagen Gott suchen, dann wissen wir wo wir ihn finden können. Wenn wir ihn suchen, dann werden wir ihn dort finden. An der Seite der Menschen: auf den Intensivstationen, in den Flüchtlingslagern und auch in unseren Häusern und Wohnungen. Mitten unter uns.

Pfarrer Volker Jeck

 

 

 

Audio-Datei zur Andacht