Andacht am Palmsonntag - schriftliche Fassung

Erstellt am 05.04.2020

Liebe Leser*innen,

mit dem heutigen Palmsonntag beginnen wir die Karwoche oder Heilige Woche. Das Bild ist uns geläufig: Jesus zieht bejubelt in Jerusalem ein. Er reitet auf einem Esel. Damit erinnert die Evangelien an die alte Weissagung aus dem Buch des Propheten Sacharja: Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Gemeint ist, dass dieser König Frieden bringt. Gehört wurde zur Zeit Jesu auch die Befreiung von der verhassten römischen Besetzung Judäas. Vielschichtig sind die Erwartungen. Viele jubeln, manche zweifeln, sind kritisch: Was soll daraus werden? Mit diesem triumphalen Einzug beginnt der Bericht von der Leidensgeschichte Jesu. Am Karfreitag werden wir wieder lesen, dass aus dem Hosianna das "Kreuzige ihn!" wird.

Eine Geschichte aus diesem Erzählzusammenhang wirkt etwas unscheinbar. Sie steht in Markus 14, 3-9:

"Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat."

Wir wissen nicht, wer dieser Simon ist, in dessen Haus Jesus einkehrt. Er hat von Jesus und seinen Taten gehört. Als jemand, der an Lepra leidet, ist er todgeweiht. Vielleicht ist er aber auch selbst von Jesus geheilt worden. Er bemerkt die Frau nicht, die in sein Haus kommt und er nimmt auch keinen Anstoß an ihr. Ohne ein Wort zu sagen, gießt sie das Öl Jesus auf die Haare und reibt ihn damit ein von Kopf bis Fuß. Das erinnert an eine Königssalbung und zugleich an die Salbung eines Verstorbenen. Einige der Anwesenden regen sich auf: "Was hätten wir alles für arme Leute tun können, wenn wir das Öl verkauft hätten", sagen sie. "Was für eine Verschwendung." Das klingt einleuchtend. So würden viele heute auch denken: Was für eine Verschwendung.

Doch Jesus stellt sich auf die Seite der Frau. "Lasst sie in Ruhe. Sie hat an mir etwas Gutes getan. Sie hat mich bereits gesalbt zu meinem Begräbnis."

Die Frau nutzt ihre Chance. Jesus hat dreimal darauf hingewiesen, dass er in Jerusalem, vor den Toren der Stadt, hingerichtet werde. Die Frau gibt ihm, der so vielen Menschen Zuwendung und Heilung an Leib und Seele gegeben hat, nun selber die Zuwendung, die er braucht für seinen Weg. Sie ergreift die Gelegenheit beim Schopf. Diese Redewendung kommt von der Darstellung des griechischen Gottes für den richtigen, passenden Moment: Kairós. Er wurde mit Flügeln an den Schultern und an den Füßen dargestellt und mit einer sonderbaren Haarpracht: Eine Haarwelle fällt ihm ins Gesicht, der Hinterkopf ist kahl. Das heißt: ist er an dir vorbeigezogen und du hast den Moment verpasst, die Chance nicht genutzt, dann kannst du sie nicht mehr zu fassen kriegen.

Wir leben im Moment in einer Zeit, in der wir eingeschränkt leben, in der wir aber auch die Möglichkeit haben, diese Zeit zu nutzen. Ob wir uns mehr der Familie widmen, ob wir uns engagieren für Menschen, die jetzt besonders Hilfe brauchen und sich das Miteinander ganz kreativ Wege sucht, oder ob wir einfach die Zeit nutzen nachzudenken: wie will ich, wie wollen wir eigentlich leben, wenn die Corona-Krise überstanden ist? Dabei treffen wir sicher auch ganz persönliche Entscheidungen.

Werden wir als Christ*innen unterschiedlicher Konfessionen uns weiter annähern, wo wir jetzt gemeinsam durch Bedrängnis gehen? Wie wird unsere Gesellschaft aussehen, wie wird sich nach der großen Kreativität dieser Zeit das Miteinander, der Blick füreinander den Weg suchen? Nutzen wir die moderne Kommunikationstechnik auch weiterhin, wo sie uns hilft, und kehren wir zur persönlichen Begegnung zurück, wo keine Technik der Welt Menschlichkeit geben kann? Wird der blaue Himmel bleiben über den Gebieten, die sonst im Smog ersticken? Bleibt die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die man besser auch in Zukunft (wieder) hier herstellt? Wird aus dem Applaus für Pflegende und andere, die jeden Tag für uns da sind, die Anerkennung im Geldbeutel? Es heißt doch: in jeder Krise liegt auch eine Chance. Die gute Gelegenheit.

Von Jesus wissen wir, dass er seine Chancen genutzt hat: er zeigt uns den menschlichen, mitgehenden Gott und verändert Leben um sich herum auf Zukunft hin. Das möchte ich Auferstehung und ewiges Leben mitten in unserem Leben nennen. Das ist nicht zu haben ohne den Abschied von Dingen, die wir als verhängnisvoll erkannt haben. Die Geschichte von der Frau, die Jesus salbt auf dem Weg zum Kreuz, kann uns helfen, über den rechten Moment, die Chance in der Krise nachzudenken und die Chance zur liebevollen Zuwendung zu ergreifen. Amen.

Gebet

Herr Jesus Christus, wir danken dir, dass du uns Gott zeigst, wie er ist: menschenfreundlich, liebend, überwindend, mit uns aushaltend. Wir denken an deinen Weg: vom Jubel des Palmsonntag zum Tod am Kreuz, wie ein Verbrecher, am Karfreitag.

Wir denken an die Menschen, die an dem Corona - Virus erkrankt sind und sich nach Heilung sehnen. Wir denken an ihre Angehörigen und Familien und Freunde und lassen ihre Sorgen an uns heran und bringen sie vor dich. Wir bitten dich: Sei ihnen nahe.

Wir denken an die Menschen, die jetzt für uns alle da sind, in Krankenhäusern, in Landwirtschaft, Handel und Verkehr, Rettungsdienst und Feuerwehr, Polizei und Müllabfuhr und im "Home-Office", im freundlichen Engagement für Hilfebedürftige. Wir sagen dir Dank dafür. Wir bitten dich: segne ihr Tun.

Wir danken Dir, Herr Jesus Christus, dass wir Hoffnung haben können auf das Leben. Darum rufen wir Gott an mit deinen Worten, Herr Jesus Christus:

Vater unser im Himmel....

Es segne uns und behüte uns der ewige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Pfarrer Gerhard Ebmeier

 

Hier geht's zur Aufzeichnung der Andacht des Hellweger-Anzeigers.