Bericht über die Visitation

Diakonie und gesellschaftliche Verantwortung - Besuch von der Landeskirche

Das erste Mal findet seit 1993 eine sogenannte "Visitation" durch die Evangelische Landeskirche von Westfalen (EKvW) im Kirchenkreis Unna statt. Unter der Leitung von Präses Annette Kurschus nahm ein 13-köpfiges Team von Fachleuten verschiedener Bereiche der Landeskirche den Kirchenkreis Unna vom 1. bis zum 4. Juli 2018 "unter die Lupe". Dabei ging es um ausgewählte Schwerpunkte: Seelsorge, Bildungsfragen, Diakonie und Gesellschaft sowie Kindertagesstätten standen im Fokus des Besuches.

Für das Thema "Diakonie und Gesellschaft" hat sich das Visitationsteam beispielhaft unser Projekt der "Gemeindenahen Sozialbegleitung" ausgesucht. Herr Stefan Berk, Superintendent und Pfarrer im Kreis Wittgenstein, Herr Klaus Breyer, Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft in Villigst und Diakoniepfarrerin Anja Josefowitz stellten im Laufe des interessanten Gesprächs Fragen zum Entstehen, der Umsetzung und Zukunft dieses Projektes in unserer Gemeinde Hemmerde-Lünern.

Versteckte soziale Not, psychische Belastungen und die Gefahr des Identitätsverlustes

Pfr. Jeck schilderte die Beweggründe für die Schaffung einer Stelle für "Gemeindenahe Sozialbegleitung" und die Erkenntnis, dass auch im dörflichen Umfeld eine solche Begleitung notwendig ist und angenommen wird. Zusammen mit einem kreativen Presbyterium sei es gelungen, in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Ruhr-Hellweg eine Stelle zu schaffen, die Menschen in sozialer und psychischer Not ortsnah Hilfe und Beratung bietet.

Den demografischen Wandel abfedern

Günter Drechsel-Grau als Presbyter und Vertreter der Bürgerbewegung 'Wir in Lünern' stellt ein wichtiges Bindeglied zwischen der Dorfentwicklung und der Kirchenvertretung dar. Aus dem Bürgerforum 'Wir in Lünern' ist eine Initiative entstanden, die zum Ziel hat, ein Dorfentwicklungskonzept auf den Weg zu bringen, in dem der Wunsch nach einem dauerhaften sozialen Dienstangebot am Ort eine wichtige Rolle spielt. Ein wichtiges Stichwort ist in diesem Zusammenhang das sog. Quartiersmanagement, bei dem es darum geht, einen Stadtteil insgesamt attraktiver zu machen. Hier ergibt sich die Möglichkeit des engen Zusammenwirkens von Kirchengemeinde, Bürgerforum und Diakonischem Werk.

Einfach, direkt und nah am Menschen

Christoph Straub, Fachbereichsleiter für selbstbestimmtes Leben bei der Diakonie Ruhr-Hellweg, sieht dabei die entscheidende Rolle des Ehrenamts. Nur durch das Zusammenwirken von ehrenamtlichen Leistungen vor Ort auf den Dörfern und professionelle Unterstützung durch Fachteams des Diakonischen Werkes können dauerhaft Angebote gewährleistet werden. "In Zeiten knapper personeller Ressourcen brauchen wir die Gemeinde, um so etwas auf die Beine zu stellen!" (Christoph Straub)

Hilfe zur Selbsthilfe

Susanne Wöstenberg ist jemand, die konkret vor Ort im Dorf Hilfe bietet. Mit ihrer umfangreichen beruflichen Erfahrung steht sie zentral an der Schnittstelle zwischen institutioneller Diakonie und Gemeindediakonie. Hauptthemen auf Gemeindeseite sind Beratung, Netzwerkaufbau, Zusammenarbeit mit dem sozialpsychiatrischen Dienst und nicht zuletzt auch die Zusammenarbeit mit einem kompetenten Team aus Presbytern und anderen Ehrenamtlichen.

Unser Modell gilt als beispielhaft

Aus der Erfahrung von Anja Josefowitz als Diakoniepfarrerin des Kirchenkreises heraus funktioniert soziale Beratung besonders gut, wenn sie "von unten" gemeinsam mit den Mitgliedern einer Gemeinde vor Ort und einem begleitenden, professionellen Partner aufgebaut wird. Dies ist in der Kirchengemeinde Hemmerde-Lünern gelungen. Mit einem solchen Modell kommt Kirche zurück in das Gemeinwesen und zeigt ihre gesellschaftliche Verantwortung.

Die weiteren Schritte

Die Kirchengemeinde möchte auch weiter in der Dorfentwicklung aktiv mitwirken. Dabei wird sich das Modell nicht nur auf Lünern beschränken sondern immer auch Hemmerde und Mühlhausen-Uelzen im Blick behalten. Es wird wichtig sein, dass unsere Evangelische Kirchengemeinde Hemmerde-Lünern in diesem Prozess zu ihrem theologischen Profil steht und sich am Evangelium orientiert. Gerade dies führt auch dazu, sich mit Veränderungen und Verlusten auch im Gemeinwesen aktiv auseinander zu setzen. Diakonische Arbeit braucht Menschen, die ihre Freizeit für ehrenamtliche Tätigkeiten zur Verfügung stellen. Dabei muss immer bedacht werden, diese Personen nicht über die Maßen zu beanspruchen, sondern als Kirchengemeinde auch Schwerpunkte zu setzen und mit den Menschen und der Zeit, die zur Verfügung steht, zu haushalten. Im Rahmen der gemeindenahen Sozialbegleitung wird auch deutlich, dass die Kommunikation/der Erfahrungsaustausch "über den Tellerrand" in die Region hinein (Massen, Stadt Unna) eine große Rolle spielt. Das schlägt sich nieder in Begegnungen im Kirchenkreis und in der Region. Auf der einmal im Jahr stattfindenden Diakonie-Konferenz können eigene Erfahrungen im Bereich Diakonie und Gesellschaft mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Gemeinden ausgetauscht werden. In einer Schlussbetrachtung stellte Klaus Breyer noch einmal das hohe Interesse seitens des Instituts für Kirche und Gesellschaft in Villigst am Konzept der Evangelischen Kirchengemeinde Hemmerde-Lünern heraus.

Martina Hitzler